Julia Engelmann – Bestandsaufnahme

Bestandsaufnahme Teil eins von drei: was ich nicht hab’!
Ich hab‘ keine Schokoladenseite, keine Macht, keine Kneipe, keinen Plan B, keinen Plan A, keinen Wunschpunkt, wenn ich „Gatsmas“ sag. Ich hab kein gutes Bauchgefühl, weil ich es mit Hunger verwechsle. Ich hab‘ kein Ordnungsempfinden, obwohl ich Ordnung sehr schätze. Ich hab‘ kein Swag, kein Sixpack, keine Big Band, Nickname, Big Mac. Ich hab‘ keine Straße, kein‘ Bezirk, kein’ Block. Bin nicht bei Tinder, hab‘ auch sonst nie geloggt. Ich hatte nie genug Mut, beim Flaschendrehen die Flasche zu drehen. Ich hab‘ noch nie Sternschnuppen, nie Glühwürmchen, nie Titanic gesehen. Ich kann nicht Namedroppen, Partyhoppen, nicht smalltalken, nicht moonwalken. Ich hab‘ kein x-Faktor, egal ist nur ein Wort mit ’nem x davor. Mein Facebook ist nicht die Chronik von Narnia. Und wer weiß, vielleicht hab‘ ich kein Karma.
Bestandsaufnahme Teil zwei von drei: was ich hab‘, aber nicht will! (das ist der längste Teil)
Ich hab‘ so bescheuert viel Angst, mich falsch zu entscheiden, irgendwo wegzugehen, wenn ich mir eigentlich gerade nur wünsche zu bleiben. Angst Fehler zu machen, auch wenn ich weiß, dass sie wichtig sind. Angst zu spät zu bemerken, welche Wege doch richtig sind. Angst davor wie schnell die Zeit vergeht, dass ich sie nicht richtig nutze. Angst, dass ich nicht umsetzen kann, was mir eigentlich lange bewusst ist. Und was ich noch hab‘ ist das Gefühl, alle anderen sind besser, oder wenigstens etwas, weil ich muss leider ziemlich oft feststellen: Millionäre sind reicher, alte Menschen sind weiser, Luft ist luftiger, leichter, Äpfel fruchtiger, reifer, das Meer berauschender, Einhörner flauschiger, Kleber klebriger, Bäume sind ewiger, als ich. Und ich mag dich mehr, als du mich.
Bestandsaufnahme Teil drei von drei: was ich hab’! Ich hab‘ so viele Dinge, viel mehr als ich er- und vertrage. Ich hab mehr Schmuck als ich eigentlich trage und ein Einrad, mit dem ich nie fahre. Ich hab‘ Augen, die, was ich betrachte, auch tatsächlich sehen. Und Beine, die stolpern und tanzen oder tatkräftig gehen. Ich hab‘ mein Leben, das endlich ist, und nicht selbstverständlich ist, eine Seele, vielleicht, auch wenn der Gedanke befremdlich ist. Ich hab‘ noch was, das vergesse ich oft, dann muss ich mich wieder besinnen, ich habe tausend Gründe zum Lachen, bloß einen zum weinen und vor allem so viel zu gewinnen, ich hab so viel zu gewinnen. Ich bin glücklich. Ich bin glücklich. Und ich weiß, ich hab‘ dich nicht, und doch hab‘ ich mehr als gedacht. Ich bin glücklich.

Live aus dem Admiralspalast Berlin 2018.

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FRIEDENS-
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